Januar 2017: Anglizismen

»Nehmt eure Sprache ernst!«

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 bis 1900)

Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich sehr dafür bin, Sprache bewusst zu verwenden. Vor allem das Englische beeinflusst unsere Sprache sehr und führt auch zu »neuen« Kreationen, von denen sich viele immer mehr verbreiten und einige vielleicht auch irgendwann im Duden ankommen. Schauen wir uns mal einige Beispiele an:

realisieren: Wenn jemand das Verb »realisieren« im Sinne von »begreifen« nutzt, heißt es oft, das sei doch eine falsche Übernahme aus dem Englischen. Tatsächlich ist die Bedeutung »erkennen, einsehen, begreifen« aber schon im Duden verzeichnet.

Expertise: Eine Expertise ist im Deutschen laut Duden (noch) ausschließlich ein Gutachten, aber kein Synonym für Fachwissen und/oder Erfahrung. Ich betone: noch. Denn die Verwendung im letzteren Sinne ist mittlerweile so verbreitet, dass sie vermutlich in einer der nächsten Auflagen enthalten sein wird.

ausrollen: Bis jetzt ist im Duden nur die wörtliche Bedeutung zu finden. Auch hier tippe ich aber inzwischen darauf, dass die Bedeutung des englischen »to roll out« über kurz oder lang im Duden stehen wird. Denn tatsächlich sagt »ausrollen« im Projektmanagement nicht genau dasselbe aus wie »umsetzen«, sondern beschreibt einen Prozess, in dem eine Neuerung nach und nach in verschiedenen Bereichen ankommt.

adressieren: Wir können Briefe und Pakete adressieren (also mit einer Adresse beschriften) oder auch (etwas veraltet) Worte an jemanden adressieren, aber keine Themen, Probleme oder Ähnliches. Die können wir ansprechen, thematisieren, ins Bewusstsein rücken, auf die Tagesordnung setzen … es gibt so viele Möglichkeiten!

Administration: Im Zuge der Präsidentenwahl in den USA war quer durch alle Medien wieder von der Administration die Rede, wenn die Regierung gemeint war. Ein klassischer Anglizismus: Im Deutschen ist Administration nichts anderes als Verwaltung, mit Regieren hat das Wort nichts zu tun.

Sie sehen: Sprache wandelt sich. Das ist grundsätzlich gut. Allerdings lohnt es sich immer, genau hinzuschauen, Entwicklungen zu beobachten und nicht alles unkritisch zu übernehmen. Tun wir das nicht, wird Sprache beliebig und verliert viel von ihrer Kraft.

 

© Juliane Topka 2017

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