Mai 2021: teilen

Mai 2021: teilen

»Die aufrichtigste Anteilnahme bekunden Menschen erst, wenn’s was zu teilen gibt.«

Unbekannt (Quelle: aphorismen.de)

Das Verb »teilen« lässt sich im Deutschen in vielen Bedeutungen verwenden: Man kann zum Beispiel etwas in Stücke teilen, eine Zahl durch eine andere teilen, etwas brüderlich (mit jemandem) teilen oder jemandes Ansicht teilen; eine Zelle kann sich teilen, ein Weg auch. Und sogar im Duden steht inzwischen, dass man Bilder oder Nachrichten in den sozialen Medien teilen kann.

Trotz dieser Bedeutungsvielfalt, oder vielleicht auch gerade deshalb, werde ich sofort hellhörig, wenn in einem deutschen Text das Wort »teilen« vorkommt: Oft zeigt sich, dass es eine sehr nachlässige Übertragung des englischen Verbs »to share« ist. Nicht immer ist das im engeren Sinne falsch, aber es gibt im Deutschen oft viel treffendere Ausdrücke als »teilen«. Zwei Beispiele:

Wie oben schon beschrieben, kann ich jemandes Ansicht teilen, ihr also zustimmen, diese Ansicht übernehmen: Die Bewegung geht dabei von dieser anderen Person zu mir. Heute lese ich aber auch oft, dass jemand seine Gedanken zu einem bestimmten Thema teilt, also nach außen gibt (umgekehrte Richtung!). In diesem Fall ist »teilen« mindestens zu kurz gegriffen (→ mitteilt), aus meiner Sicht aber vor allem farblos. Viel passender wäre »vorstellen«, »berichten« oder »andere teilhaben lassen«.

In einem anderen Text hieß es kürzlich, dass eine größere Firma ihre Erfahrung und ihr Netzwerk teilt, damit ein Start-up sein Produkt am Markt platzieren kann. Auch hier würde man im Englischen sicher das Verb »to share« benutzen; im Deutschen halte ich »teilen« für falsch. Ohnehin ist zum Beispiel »zur Verfügung stellen« oder »einen Zugang eröffnen« viel aussagekräftiger.

Sprache verändert sich, und ich bin sicher, dass die Liste der Bedeutungen von »teilen« auch im Duden schon bald deutlich umfangreicher sein wird als heute. Unabhängig davon lohnt es sich aber, aufmerksam zu bleiben, denn oft gibt es im Deutschen stärkere Ausdrücke als »teilen«.

© Juliane Topka 2021

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